Im Fussball ist Spanien besser als die Schweiz - und im Gesundheitswesen?
- vor 5 Tagen
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Herr Oggier, Sie posieren im WhatsApp-Status sichtlich stolz im Trikot der spanischen Fussballnationalmannschaft. Sind Sie auch stolz, was das spanische Gesundheitswesen betrifft?
Meine Mutter war Spanierin. Den WM-Final in Madrid live zu erleben, war ein spezieller Moment für mich. Als die Mannschaft am Flughafen in Madrid ankam, ging ich danach zum Fest. Zu Ihrer Frage: Ein Fussballresultat kann man viel einfacher vergleichen als ein Gesundheitssystem, weil man es nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ anschauen muss.
In der Schweiz ist das Gesundheitswesen grundsätzlich kantonal; dennoch gibts es Bestrebungen, mehr und durch den Bund regeln zu lassen. Wie ist das in Spanien?
Es gibt faktisch nicht ein Gesundheitssystem in Spanien. Seit der weitgehenden Dezentralisierung im Jahr 2002 verfügen die 17 Autonomen Regionen über eigene Gesundheitssysteme. Sie erhalten Mittel vom Zentralstaat nach definierten Kriterien und können diese mit eigenen finanziellen Ressourcen ergänzen.
Wie verhält es sich in Ihrer Mutterstadt?
Auf die Gesundheitsversorgung in der Region Madrid bin ich durchaus stolz. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich wurde in den vergangenen Jahren erheblich investiert. Mehrere Universitätskliniken haben neue Operationssäle oder moderne onkologische Ambulatorien erhalten. Zudem wurde für das grösste, sanierungsbedürftige Universitätsklinikum Spaniens ein umfassendes Investitionsprogramm angekündigt, aus dem der grösste Spitalcampus Europas entstehen soll.
Der Privatsektor dürfte nicht unbedeutend sein.
Im Privatsektor ist beispielsweise die Clinica Universidad de Navarra zu erwähnen, deren Ableger in Madrid in der Nähe des Flughafens auch von vielen kaufkräftigen Lateinamerikanern aufgesucht wird, die sich in Spanien behandeln lassen. In ländlichen Gebieten weicht die Versorgung dagegen teilweise weit von diesem Niveau ab.
Willy Oggier studierte Volkswirtschaftslehre an der Hochschule St. Gallen (HSG), wo er auch promovierte. Nach mehreren Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSG machte er sich 1996 als Gesundheitsökonom selbstständig. Seither führt er die Willy Oggier Gesundheitsökonomische Beratungen AG und berät Kantone, Spitäler, Verbände, Unternehmen und weitere Akteure des Gesundheitswesens. Oggier ist Mitglied des Verwaltungsrates des Spitalzentrums Biel, präsidiert den Verband Swiss Reha und organisiert zudem regelmässig Studienreisen zum spanischen Gesundheitswesen.
Haben Sie drei Beispiele, wo Sie das schweizerische Gesundheitswesen als besser einstufen?
Erstens nenne ich den direkten Zugang zu ambulanten Spezialistinnen und Spezialisten in der obligatorischen Krankenversicherung. Dieser ist in der Schweiz schneller und unkomplizierter als in Spanien. Das ist eine Einzigartigkeit auch im Vergleich zu anderen Ländern.
Zweitens kann man in der Schweiz mit kürzeren Wartezeiten rechnen als in Spanien, vor allem bei elektiven Eingriffen. Wobei das je nach Region unterschiedlich ist.
Und drittens?
Dem spanischen öffentlichen Gesundheitswesen würden höhere finanzielle Mittel guttun. Nach der Banken- und Finanzkrise wurden zwischen 2009 und 2015 die öffentlichen Gesundheitsausgaben real gekürzt – obwohl das Ausgabenniveau bereits vergleichsweise tief war. Diese Sparmassnahmen wirken bis heute nach.
Dafür dürften die Kosten tiefer sein.
Spanien hat unter den EU-Ländern eine der höchsten Lebenserwartungen – ähnlich hoch wie die Schweiz. Dies aber bei signifikant tieferen Kosten als in der Schweiz. Bei den kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Ausgaben sind die schweizerischen – je nach aktuellem Wechselkurs – rund doppelt so hoch wie die spanischen, in Prozent des BIP sind die spanischen Kosten ebenfalls tiefer, um zirka 9 Prozent.
Es ist wie bei den Trainergehältern und dem Weltmeistertitel. Gestern haben die spanischen Medien berichtet, dass der spanische Nationaltrainer unter allen am Turnier den 13.höchsten Lohn bezieht. Wer den höchsten Lohn bezahlt, stellt also nicht unbedingt den Weltmeister.
Weitere Beispiele, was die Spanier – nicht nur im Fussball – besser machen als die Schweizer?
Die integrierte Versorgung wurde in Spanien deutlich stärker aus den Spitälern heraus entwickelt als in der Schweiz. Dadurch ist sie auch stärker integriert, da Spezialärztinnen und Spezialärzte in der Regel an den Spitälern gebündelt tätig sind. Es ist daher kein Zufall, dass sich neue Versorgungsmodelle in der Schweiz – etwa jene von Swiss Medical Network oder der CSS Versicherung in der Westschweiz und im Tessin gemeinsam mit dem Gruppo Ospedaliero Moncucco – an Vorbildern orientieren, wie sie beispielsweise Ribera Salud in Spanien seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich betreibt.
Wo sehen Sie den Erfolgsfaktor solcher Modelle?
Unter anderem in der gut ausgebauten Sekundärprävention, deren Bedeutung angesichts alternder Gesellschaften zunimmt. Ziel ist es, mithilfe intelligenter digitaler Unterstützung gesundheitliche Entgleisungen, etwa bei Diabetes oder Bluthochdruck, frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Dies wird auch durch die langfristige Ausgestaltung der Modelle begünstigt: Sie basieren in der Regel auf Konzessionen mit Laufzeiten von rund 15 Jahren und werden über Capitation-Pauschalen finanziert. Dadurch entstehen Anreize, langfristig in Prävention und eine qualitativ hochwertige Versorgung zu investieren.
Erschienen auf Medinside am 22. Juli 2026

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